Freelancer on the road - Und ich wollte aufgeben

Knüppeldicke Romane wurden zum Thema Work-Life-Balance geschrieben, endlose Vorträge vor immer größerem Publikum gehalten. Uns jungen Hüpfern gab man kopfschüttelnd Namen wie Generation Y oder Millennials: die verblendete Jugend von heute mit ihren bingewatchenden Netznerds und posierenden Instaschnuckis. Arbeit und Vergnügen? Die knallharten Grenzen scheinen in den entzündeten Augen der älteren Generationen bei uns zunehmend zu verschwimmen.

Und tatsächlich: Auf dem Irrgartenpfad der Selbstverwirklichung zu wandeln bringt uns Jungspunden manchmal mehr Zweifel, als ungefiltert pure Freude. Als Freelancerin on the road kam ich an den schönsten Fleckchen Erde das eine ums andere Mal ins Schlingern: Was mache ich hier eigentlich – und wofür? Ich präsentiere feierlich: eine Auswahl meiner Scheitersituationen als Digitale Nomadin.

 

Wenn deine Laune von Internetempfang und Akkusaft abhängt

Auf Reisen sollte das Auge mehr die zauberschöne Landschaft denn den sinkenden Akkustand des Laptops scannen. Doch mit jedem Fünkchen Saft, der da tropft, steigt die Angst darum, das heiße Teil auf dem öffentlichen Örtchen aufladen zu müssen – wenn es denn eine Steckdose hat. Verwunschene Landschaften hingegen leben von der Eigenschaft, Banalitäten wie Internet und Stromquellen nicht zu garantieren. Der zehrende Spagat zwischen „Ich will einfach nur genießen“ und „aber ich muss noch…“ kann auch die Nerven dehnen.

 

Wenn die Aufträge nicht so wollen, wie du willst

Verheißungsvolle Plattformen bieten eine Auswahl hochspannender Freelancerprojekte. Mit jeder erfüllten Freelancer-Mission steigt die Chance, von zufrieden nickenden Auftraggebenden noch einmal rekrutiert oder gar weiterempfohlen zu werden. So weit, so gut. Doch manchmal, da kommt sie, die unsägliche Flaute: keine Aufträge. Niente. Nada. Die Abhängigkeit von den Projekten im Zusammenhang mit der Abhängigkeit vom Geld lässt einen im Ausland vor allem eines sein. Richtig: abhängig.

 

Wenn dein Laptop geklaut wird

True story. Vor allem im Zusammenhang mit dem vorherigen Punkt ein ganz (ganz, ganz) empfindliches Thema. Braucht es mehr Worte?

 

Wenn Deadline wirklich Todeslinie bedeutet

Die nagenden Deadlines im Hinterkopf zu behalten, zeugt nicht gerade von haltloser Unabhängigkeit. Deine Travelmates wollen den atemberaubenden Gipfel des Nationalparks erklimmen? Hach, da ist noch der Auftrag. Du willst mit auf die feuchtfröhliche Pubcrawl-Tour? Aber nein, der Auftrag! Ein Ausflug mit dem Jeep entlang des Ozeans steht auf dem Abenteuerplan? Der…

 

Wenn die Projekte ein endloses (unbezahltes) Eigenleben entwickeln

Voller Stolz lehne ich mich zufrieden seufzend zurück: Mission beendet, Projekt abgeschlossen. Ich habe die volle Prozedur mit Kundin XY durchlaufen: Designvorentwürfe geschickt. Im Dialog auf drei Arbeitsentwürfe geeinigt. Die finalen Ergebnisse mit dem Angebot, eventuelle Anpassungswünsche noch vorzunehmen, abgeschickt. Finale Anpassungswünsche tatsächlich noch angepasst – ich passe mich ja schließlich an. Der zufriedene Seufzer bleibt allerdings im Halse stecken, wenn noch nach Monaten unvereinbarte Änderungswünsche einschneien - winzige Faktoren, die zuvor ausdrücklich gewünscht wurden und sich mit Microsoft Paint in laienfreundlicher Sekundenarbeit ausbügeln ließen. Der Seufzer wird zum Knurren, wenn bis dato das vereinbarte Honorar das Konto nicht zum Strahlen bringt.

 

Keine Balance ohne Kippeln.

In einigen Situationen sehnte ich mich der leichteren Organisation halber auf den heiligen deutschen Boden zurück - oder aber wollte mich von ihm mit seinen anstrengenden Projekten loseisen. Denn das Vereinen von Arbeit und Vergnügen ist nicht immer ein Vergnügen.

Aber sind wir mal ehrlich: Das Meckerniveau erklimmt hier hechelnd den Mt. Stelldichnichtsoan. In einer ausgewogenen Balance musst du mal hier und da kippeln, um sie auszutarieren und die passende Mitte zu finden. Für diesen steten Drahtseilakt braucht es Übung – und eben lehrreiche Scheitersituationen.

 

 

Maxi

Maxi Wuestenberg

Heureka! Ich bin Maxi - eine unverbesserliche Mischung aus hartgesottener Streberin und rühriger Digitaler Nomadin. Derzeit verfasse ich meine Masterarbeit im verlagsspezifischen Digitalbereich.

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